Die goldene Regel „fett auf mager

Die Ölmalerei gilt im Allgemeinen als Königsdisziplin der Kunst. Ein Porträt, eine Landschaft oder ein Stillleben wirken erst dann richtig, wenn sie mit Ölfarben angefertigt wurden. Ölmalerei erzählt Geschichten, inspiriert ihre Betrachter und ist unvergleichlich in Sachen Haltbarkeit und Farbqualität. Egal ob Gerhard Richter, Paul Cézanne oder Vincent van Gogh, diese Künstler erschufen ihre Meisterwerke mit Ölfarben und beim Malen machten sie sich dabei die alte Regel „fett auf mager“ zunutze. Da Ölfarben eine deutlich längere Trockenzeit als Aquarell- oder Acrylfarben aufweisen, und nicht einfach aufeinandergesetzt werden können, bedarf es zumeist genauer Überlegungen, wo welcher Pinselstrich gesetzt werden soll. In jedem Fall erfordert das Malen mit Ölfarben aber die klassische Technik des „fett auf mager“.

Warum Temperafarben von Ölfarben abgelöst wurden

Die Wurzeln der Ölmalerei gehen dabei bis in das 13. Jahrhundert zurück. Eine entscheidende Weiterentwicklung der bis dahin vorherrschenden Temperamalerei, gelang dem niederländischen Maler Jan van Eyck. Im 15. Jahrhundert entstand der Mann mit dem Roten Turban, als frühes Beispiel der modernen Ölmaltechnik. Die Maler der italienischen Renaissance nutzen hingegen weiterhin die herkömmlichen Temperafarben. Die Langlebigkeit der Ölfarben führte jedoch dazu, dass sich diese letztendlich in der europäischen Malerei durchsetzen konnten und die Temperafarben verdrängten. Eines hat sich seit den Zeiten der Alten Meister allerdings nicht geändert. Es gilt immer noch „fett auf mager“ zu malen. Die Technik ist die grundlegendste Maltechnik der Ölmalerei und wurde wohl von allen Meistern, von der Renaissance bis hin zu den Jungen Wilden angewandt.

Woraus bestehen Ölfarben?

Was steckt hinter der etwas seltsam anmutenden Regel „fett auf mager“? Um diese Maltechnik zu verstehen, müssen wir uns zunächst vor Augen führen, wodurch sich Ölfarben von anderen Malmitteln unterscheiden. Vereinfacht ausgedrückt, besteht eine Ölfarbe aus einem Bindemittel und einem Farbpigment. Als Bindemittel kommen Lein- und Mohnöl, Walnuss- oder Sonnenblumenöl zum Einsatz. Auch exotische Öle sind denkbar. Bei der Herstellung von Ölfarben werden die Farbpigmente langsam mit dem jeweiligen Bindemittel vermischt. Das Öl sorgt für die cremige und flexible Konsistenz der Ölfarbe, ist jedoch auch für die längere Trockenzeit der Farbe verantwortlich. Nach dem Auftragen der Farbe setzt der Trocknungsprozess unmittelbar ein. Das Öl reagiert mit dem Sauerstoff der Luft und beginnt zu oxidieren. Das Bindemittel nimmt einen kleinen Teil dieses Sauerstoffes auf und damit an Volumen zu. Ohne Bindemittel würde die Farbe beim Trocknen spröde und könnte zu schnell rissig werden. Das Öl sorgt zusätzlich dafür, dass Ölgemälde sehr lange haltbar sind, denn es schützt die Gemälde vor Umwelteinflüssen und behält eine gewisse Flexibilität. Bei Temperaturschwankungen kommt es auf diese Weise nicht sofort zu Rissen oder Wellen.

Warum malt man Fett auf Mager?

Diese positiven Eigenschaften der Ölfarben treten aber nur dann hervor, wenn sich der Maler an die elementare „fett auf mager“ Regel der Ölmalerei hält. Diese meint nichts anderes, als dass die unteren Farbschichten eher mager gehalten werden sollten – also mit wenig Bindemittelanteil – während die oberen Farbschichten zunehmend fetter werden können. Notwendig ist diese Technik, aufgrund der speziellen Trocknungseigenschaften der Ölfarben. Würde man die unteren Schichten zu fett einstellen, würden sich diese stärker ausdehnen und das Bild Risse erhalten. Die untere Schicht würde quasi die obere nach außen drücken. Die hier entstehende Spannung, könnte auf diese Weise die sichtbare Farbschicht beeinträchtigen. Zudem trocknet eine Farbschicht langsamer, je größer ihr Fett- und damit Bindemittelanteil ist. Um diesen Effekt zu vermeiden, müssen die Farben also in ihrem Fettanteil variiert werden. Die Regel „fett auf mager“ hat daneben noch einen weiteren, offensichtlichen Vorteil. Würde man jedes Mal warten, bis eine Farbschicht getrocknet ist, müsste man die Arbeit an dem jeweiligen Gemälde regelmäßig unterbrechen. Malt man hingegen mit unterschiedlich fettigen Farben, ist ein kontinuierliches Arbeiten möglich. Wer möchte schließlich schon eine kreative Phase für mehrere Tage unterbrechen, nur weil die Ölfarbe wieder einmal trocknen muss.

Wie ändert man den Fettanteil in Ölfarben?

Balsam Terpentinöl

Grundsätzlich gibt es zwei Möglichkeiten den Fettgehalt einer Ölfarbe zu regeln. Naheliegend scheint zunächst die Zugabe eines Bindemittels. Ein solches Basismalmittel ist beispielsweise ein Balsam-Terpentinöl. In der Kunst ist es unter den klassischen Bezeichnungen Venezianer oder Straßburger Terpentin bekannt. Das Malmittel hat einen relativ mageren Fettgehalt, wodurch es genau dosiert werden kann und wird in fast allen Techniken der Ölmalerei zum Einsatz gebracht. Das Balsam-Terpentin-Öl ist somit ein unverzichtbarer Grundstoff der Malerei, um die Ölfarbe während des Malens fetter zu gestalten. Weiter fettende Malmittel sind beispielsweise Mohnöl, Leinöl oder Nussöl. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass man eine Farbe nicht unbegrenzt ‚verfetten‘ kann. Mit Bindemitteln sollte sparsam umgegangen werden, damit die Farbe nach und nach auf den gewünschten Fettgehalt eingestellt werden kann.

Harzfirnis

Ein weiteres Mittel um den Fettgehalt einer Farbe anzupassen ist die Zugabe von Harzfirnis. Unter einem Firnis versteht man zunächst einen klaren Anstrich, der aus einem Bindemittel besteht, das zuvor in einem Lösemittel gelöst wurde. So lassen sich verschiedene Harze, z. B. Dammar- oder Mastixharz, in Terpentin lösen. Als Firnis machen sie die Farben leicht glänzend und durchsichtig oder imitieren den Vergilbungseffekt des UV-Lichts. Gemeinsam mit dem Balsam-Terpentinöl und der Harzfirnis erhält man zwei Komponenten, mit denen man den Fettgehalt der Ölfarbe variieren kann. Dies hat den Vorteil, dass man während des Malprozesses, den Fettgehalt der Farbe kontinuierlich verändern kann.

Terpentin

Die zweite Möglichkeit, den Fettgehalt einer Ölfarbe anzupassen ist die Beigabe eines Lösungsmittels. Auf diese Weise sinkt der Fettgehalt der Farbe und sie wird somit magerer. Das wohl bekannteste Lösungsmittel ist Terpentin. Nach der Regel „fett auf mager“ sind die unteren Schichten eines Bildes immer mager anzulegen, um dann die oberen Schichten fetter zu gestalten. Dies kann ferner dadurch erreicht werden, indem die unteren Schichten mit Acrylfarben erstellt werden. Bei Acrylfarben kommt zumeist ein Bindemittel auf wasserlöslicher Basis zum Einsatz. Diese Bindemittel sind magerer als Öle und erlauben es, Ölfarben und Acrylfarben zu kombinieren. Allerdings nur, wenn die Acrylfarbe, als untere Schicht zum verwendet wird. Andernfalls würde die unterschiedliche Trocknungszeit der Ölfarbe die Struktur der Acrylfarbe beeinträchtigen. Zudem könnte eine wasserlösliche Farbe beim Auftragen auf eine Ölfarbe abperlen und nicht auf der Leinwand haften. Die Regel „fett auf mager“, bedeutet damit vor allem auch: Niemals mager auf fett!

Wie malt man Fett auf Mager?

Die „fett auf mager“ Technik ist speziell bei den Lasur-Techniken zu beachten. Jede Schicht (Lasur), muss erst einmal trocken, bevor eine weitere Schicht aufgetragen werden kann. Man beginnt das Bild mit einem Malmittel auf Öl-Basis und gibt nach jeder fertigen Schicht ein wenig Harzfirnis hinzu. Auf diese Weise lässt sich der gewünschte Effekt der durchschimmernden, sich vermischenden Farben erzielen. Besonders die Alten Meister statteten ihre Gemälde mit sehr vielen Lasuren aus. Ein Gemälde konnte daher aus über 100 Schichten bestehen. Bei der Zugabe der Harzfirnis ist hier Sparsamkeit und Genauigkeit gefragt.

Fett auf Mager Alternativen

Doch nicht jede Technik erfordert es, sich zwingend an die „fett auf mager“ Regel zu halten. Bei halbdeckenden Techniken, trägt man zwar auch mehrere Farbschichten auf, lässt diese aber trocknen, bevor man die nächste Schicht beginnt. Diese Vorgehensweise macht dann den Einsatz zusätzlicher Öle oder Harze überflüssig. Eine weitere Alternative zur „fett auf mager“ Regel, stellt die Technik des Nebeneinandermalens dar. Hier wird das Gemälde aus unterschiedlich großen, nebeneinander liegenden Farbflächen gestaltet. Die Meister Claude Monet und Paul Cézanne wendeten diese Technik an und erschufen so Meisterwerke wie Seinearm bei Giverny oder Landschaft mit Brunnen. Auch da Vinci, van Gogh oder Renoir erstellten ihre bekanntesten Werke mit Ölfarben und hielten sich dabei an den Grundsatz „fett auf mager“. Wer also fachlich korrekt malen möchte, ohne Risse oder Spannungen zwischen Farbschichte, der hält sich besser an die goldene Regel der Malerei.